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Nürtingen aktuell

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Ein Rezept gegen soziale Isolation

Erstelldatum24.09.2026

Ein Rezept gegen soziale Isolation

Der Volksmund hat so manche Weisheit parat, in der ein wahrer Kern steckt. Wenn einem etwas im Nacken sitzt oder auf den Magen schlägt, dann ist die Ursache nicht immer eindeutig identifizierbar wie zum Beispiel ein verschobener Wirbel oder ein verdorbenes Abendessen. So können auch Einsamkeit, Schulden oder familiäre Probleme für Schlaflosigkeit, Rückenschmerzen oder Bluthochdruck sorgen. Und tatsächlich geht es in den Sprechstunden einer Hausarztpraxis nicht immer nur um Husten, Schnupfen und Heiserkeit, sondern auch um Ursachen von Stress oder Auswirkungen sozialer Isolation. In diesen Fällen ist es nicht mit der Verschreibung eines Medikaments oder Physiotherapie getan, doch selten bleibt im Praxisalltag ausreichend Zeit, um sich auch solcher Fälle in adäquater Weise anzunehmen. 
Um die Lücke zwischen der hausärztlichen Versorgung und sozialen, nicht-medizinischen Unterstützungsangeboten zu schließen, soll in Nürtingen als erster Kommune im Landkreis Esslingen in einem Pilotprojekt „Sozialberatung auf Rezept“ verschrieben werden. Patientinnen und Patienten der Gemeinschaftspraxis Dr. Böhm & Kollegen in der Uhlandstraße 11 werden im entsprechenden Fall an eine Fachkraft des städtischen Sozialen Dienstes, des Sozial-Psychiatrischen Dienstes und des Sozial-Psychiatrischen Dienstes für ältere Menschen des Landkreises Esslingen „überwiesen“, die einmal in der Woche in der Praxis Beratungsgespräche anbieten und sich ausreichend Zeit dafür nehmen. 
„Vielen Menschen sind die existierenden Hilfs- und Beratungsangebote überhaupt nicht bekannt oder sie stellen aus verschiedenen Gründen eine Hürde dar“, erklärt Nadine Karim, Leiterin des städtischen Sozialen Dienstes. Diesen Menschen soll ein niederschwelliges Unterstützungsangebot gemacht werden, indem die Beraterinnen und Berater dorthin kommen, wo die Hilfebedürftigen anzutreffen sind: in die geschützten Räume der Arztpraxis, wo Vertrauen in einem ungestörten Gespräch aufgebaut und nach individuellen Lösungsmöglichkeiten gesucht werden kann.
Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter unterstützen die Betroffenen dabei, passende Gruppen, Aktivitäten oder soziale Dienstleistungen in Wohnortnähe zu finden. Das mag eine Selbsthilfegruppe im Bürgertreff sein, um in den Austausch mit anderen Personen zu kommen, ein Spieletreff, um wieder aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können oder eine Anlaufstelle, die beim Ausfüllen eines Formulars oder der Beantragung von Leistungen behilflich ist. 
„Die Menschen sollen dazu befähigt werden, selbst wieder aktiv zu sein. Das führt aus der sozialen Isolation, kann für mehr Selbstzufriedenheit sorgen und langfristig auch gesundheitliche Einschränkungen aufgrund psychischer Belastung vermeiden helfen. Das kommt nicht nur den Einzelnen, sondern am Ende der ganzen Gesellschaft zugute“, kommentiert Oberbürgermeister Dr. Johannes Fridrich die Ziele des Projekts.
Gesundheit wird maßgeblich durch soziale und wirtschaftliche Lebensbedingungen geprägt. So belegen Studien, dass soziale Isolation und Einsamkeit zum Beispiel das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle und Demenz erhöhen. In Großbritannien ist das „Social Prescribing“ seit 2019 fester Bestandteil der Versorgung. Dort soll das Gesundheitssystem dahingehend entlastet worden sein, dass bei den betreuten Personen die Zahl der Arztbesuche und der Krankenhausaufenthalte zurückging. Solche Effekte erhofft man sich auch in Nürtingen und erprobt das Projekt zunächst über sechs Monate. Danach soll entschieden werden, ob und in welcher Form es weitergeführt wird. Die „Sozialberatung auf Rezept“ könnte ein weiterer wichtiger Baustein im städtischen Maßnahmenpaket sein, um dem Thema Einsamkeit und den Herausforderungen in der hausärztlichen Versorgung vor dem Hintergrund des demografischen Wandels zu begegnen.

24.09.2026
 

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