Nürtingen aktuell
Nürtingen aktuell
„Spital 1526“: Wechselvolle Geschichte einer stadtprägenden Institution
Erstelldatum24.04.2026
Spital 1526: Neue Sonderausstellung im Stadtmuseum
Kranke hat das Nürtinger Spital zu keiner Zeit aufgenommen: Es war kein Krankenhaus, wie es der Begriff „Spital“ nahelegt. Diese Aufgabe übernahm lange Zeit das Siechenhaus vor den Toren der Stadt. Welche vielfältigen Aufgaben dem Spital stattdessen seit seiner Gründung vor 500 Jahren zufielen, fächert das Stadtmuseum Nürtingen auf. Am Donnerstag, den 30. April, 18 Uhr, eröffnet Kulturamtsleiterin Susanne Ackermann die neue Sonderausstellung zusammen mit Museumsleiterin Melina Wießler und Stadtarchivarin Kathrin Siekmann – mit Grußwort, Sektempfang und exklusivem Einblick in Spital-Unterlagen und -Bücher, die aus konservatorischen Gründen sonst nur im Stadtarchiv einzusehen sind. Darunter befinden sich dokumentierte, mitunter überraschende Querverbindungen zwischen geschichtlichen Ereignissen und Personen der Hölderlinstadt.
So wie es der in Württemberg zwischenzeitlich regierende Erzherzog Ferdinand von Österreich 1526 festlegte, diente das Spital in Nürtingen anfangs nur der Versorgung armer und bedürftiger Personen. Bald nach seiner Gründung nahm es auch zahlungskräftige Bürger auf, die sich das Recht auf Wohnung und Versorgung im Alter erkauften – es diente in gewisser Weise als Seniorenheim. Diese Funktion gab man bald auf, weil der organisatorische Aufwand zu groß geworden war. Das Spital übernahm stattdessen anfallende Kosten und fungierte so als Kranken- und Rentenkasse. Es sprang als Helfer in der Not ein und kam im Einzelfall etwa für verunglücktes Vieh auf, unterstützte die Stadt und die Einwohnerschaft auch im Allgemeinen nach Stadtbränden, bei Seuchen und zu Kriegszeiten.
Auf Herzog Ulrich, der nach seiner Rückkehr im Jahr 1534 die Reformation im Land einführte, geht die Funktion als Schulträger zurück: Er verpflichtete das Spital, die Lateinschule als Gebäude zu unterhalten. Auch für die deutsche Schule und die 1783 in Nürtingen gegründete erste Realschule des Landes finden sich den Rechnungsbüchern des Spitals Ausgaben. Aus zweckgebundenen Stiftungen hat das Spital Schulbücher und später sogar das Schulgeld für jedes Kind übernommen. Nicht zuletzt diente das Spital mit seinem Vermögen als Darlehenskasse, vergab kleine und große Kredite. Allzu häufig zog es die Aufmerksamkeit württembergischer Herzöge auf sich, deren fürstliche Kassen ständig Nachschub brauchten. Die Anleihen, die das Spital den Landesherren nicht immer freiwillig gab, erreichten mitunter schwindelerregende Beträge. Eine Rückzahlung war indes nicht garantiert, selbst wenn die Spitalverwalter sich darum bemühten.
„Das Spektrum an Themen, die die Geschichte des Spitals ausmachen, ist riesig“, stellt Wießler fest. „Wir haben uns entschieden, uns mit den grundlegenden Fragen zu beschäftigen: Was genau war das Nürtinger Spital? Wie ist es entstanden? Wie hat es funktioniert? Dabei haben wir bestimmte Aspekte ausgewählt, anstatt alles abdecken zu wollen. Es bleiben also noch Dinge, die wir im Rahmen anderer Sonderausstellungen aufgreifen können.“ Im Stadtmuseum bietet die Sonderausstellung also Einblick in die Geschichte des Spitals von seiner Gründung über den Höhepunkt als reichstes Spital des Landes bis hin zu seiner lautlosen Auflösung kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie rückt sein inneres Funktionieren in den Fokus: Was kluge und vorausschauende Köpfe in der Spitalverwaltung an Reichtum erwirtschafteten, kam vor allem aus dem weitsichtigen Kauf von Grundstücken, die geografisch breit gestreut wurden. Damit konnte das Risiko lokaler Unwetter und daraus entstehender Ernteeinbußen oder -ausfälle reduziert werden. Der Reichtum rührte daher sowohl von regelmäßigen Einnahmen in Form von natürlichen Erträgen wie Getreide und Wein her, aber auch von Geldabgaben in Folge von Verpachtungen der Grundstücke.
Um eine Vorstellung zu bekommen, welche Mengen gehandelt wurden und was sie bedeuteten, zeigt die Ausstellung einige Beispiele an konkreten Objekten: So wurden Getreide und Wein nicht gewogen, sondern in Hohlmaßen wie dem Simri abgemessen. Schier unermesslich war der Reichtum an Wein, der sich zu Spitzenzeiten auf Volumina von sechsstelligen Literbeträgen belief und den man in Eimern – einer entsprach fast 300 Litern – angab.
Noch heute prägen die am oberen Ende der Neckarsteige gelegenen Bauten mit barocken Mansarddächern und das prächtige Tor als Blickfang den historischen Teil des Nürtinger Stadtkerns. Der Blick der Ausstellung richtet sich aber auch auf die Zeit nach der Auflösung des Spitals. Auf eine über 180-jährige Geschichte als Ort der Bildung blicken dessen ehemalige Gebäude zurück. Als Nutzer folgten auf das Spital das zweite württembergische Volkschullehrerseminar, die Höhere Landbauschule und die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU). Sie führt den Bildungsauftrag Herzog Ulrichs in der Gegenwart und in die Zukunft hinein fort. „Die HfWU ist sich an diesem Ort ihres Erbes bewusst und pflegt sorgsam diese lange Bildungstradition. Die Hochschule gibt damit als Einrichtung des Landes nach Jahrhunderten auch wieder etwas an die Stadt zurück“, erklärt Gerhard Schmücker, Leiter der Hochschulkommunikation der HfWU.
Das Begleitprogramm ergänzt die Ausstellung: Ein Vortrag von Reinhard Tietzen, ehemaliger Stadtarchivar, vertieft die Geschichte des Spitals. Raum für Gespräche und Fragen bieten auch die öffentlichen Führungen durch die Ausstellung. Weitere Highlights sind die von Gerhard Schmücker angebotenen Rundgänge durch die einstigen Spital- und heutigen Gebäude der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen.
Die Ausstellung ist vom 30. April bis zum 27. September im Nürtinger Stadtmuseum zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Samstag 14.30-17 Uhr, Sonntag 11-18 Uhr
Das Begleitprogramm mit Führungen und Vortrag findet sich auf der Homepage des Stadtmuseums.
24.04.2026
