Nürtinger Formel: Stadt Nürtingen

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Nürtinger Formel

Forum Bürgergesellschaft der Stiftung Bürger für Bürger

1. Diskussionsforum: die Bürgerkommune als GesamtkonzeptStatement: „Die Nürtinger Formel“
Hannes Wezel

Am 10. Juni 1991 wird mitten in der schwäbischen 40.000 Einwohner-Stadt Nürtingen ein Bürgertreff am Rathaus eröffnet. Seitdem ist das Nürtinger Rathaus mit dem Bürgertreff und einer Glashalle landauf, landab, der Inbegriff dafür, dass Rathäuser nicht nur für den Rat und die Verwaltung bestimmt sind, sondern die aktive Bürgerschaft dort ihren festen Platz hat. Seit zwischenzeitlich 17 Jahren wird in der Stadt der 3 Hs (Hölderlin, Härtling und Harald Schmidt) an der Vernetzung von Bürgerschaft, Politik, Verwaltung und Wirtschaft ganz im Sinne einer lokalen Zivilgesellschaft gearbeitet. Und bei aller Kreativität im Alltag ist man in Nürtingen um eine Systematik bemüht. So entstand die Nürtinger Formel für eine aktive Bürgerkommune:..... 

BüKo =  E(BF x EF)

Das E vor der Klammer steht für Empowerment und ist in Nürtingen das zentrale Instrument bei der Förderung von Beteiligungs- und Engagementförderung. Empowerment als Konzept zeichnet sich durch eine Abwendung von einer defizitorientierten hin zu einer stärkenorientierten Wahrnehmung aus. Viel beschworen und dennoch ein in Deutschland viel zu wenig beachteter Ansatz in der Diskussion um das bürgerschaftliche Engagement. Die Förderung der Selbstkompetenz der Bürger und Bürgerinnen steht dabei im Mittelpunkt der Praxis. Das ehrenamtliche Engagement soll sich nicht mehr durch unbezahlte Arbeit und "Ehre" durch die Übernahme von Ämtern in Vereinen und Verbänden definieren, sondern soll dem engagierten Mitbürger eine Plattform bieten, seine Belange selbst in die Hand zu nehmen.

Beteiligungsförderung (BF)
Seit 1994 entstanden im Bürgertreff ganz neue Formen von Beteiligungsförderung (BF). Die gewählten Kommunalpolitiker des Stadtparlamentes gehen schon immer im Bürgertreff ein und aus. Sie haben nach der Eröffnung schnell gemerkt, was ihnen eine solche „permanente Bürgerversammlung“ bringt. Und umgekehrt haben die Bürger die Nähe zu Gemeinderat und auch Verwaltungsspitze als unverkrampft und selbstverständlich erlebt. Bürgerorientierung und Bürgerengagement steht grundsätzlich im Spannungsverhältnis und im „magischen Dreieck“ zwischen Bürger, Politik und Verwaltung. Durch die kontinuierliche Einbeziehung der Kommunalpolitiker in die alltägliche Arbeit stellte sich nie die „Machtfrage“. Immer waren die Rollen klar verteilt und richteten sich stets an dem aus, was in Schweden mit „großer und kleiner Demokratie“ gemeint ist. Die „große Demokratie“ als die klassische, gewählte, parlamentarische Form, also Politik schlechthin und Bürgerengagement als die „kleine Demokratie“, die alltägliche Form der Mitwirkung auf vielen verschiedenen, nicht immer politischen Feldern. Wir suchten nach einer Möglichkeit, Beteiligung an dieser Stelle lebendig werden zu lassen und erfanden hier gemeinsam mit unserer lokalen Zeitung den „Dämmerschoppen-Dialog“ – „Kommunalpolitiker fragen - Bürger antworten“. Mit einer paradoxen Methode wird das Dialogprinzip auf den Kopf gestellt.

Ein wichtiges Lern- und Beteiligungsinstrument ist die seit 1997 jährlich stattfindende Nürtinger Sozialkonferenz, die auch methodisch auf Formen der informellen Beteiligung setzt. In der Sozialkonferenz wurden in den vergangenen Jahren Themen wie das interkulturelle Zusammenleben, die Integration von Menschen mit Behinderungen, Denkanstöße für ein Zusammenleben zwischen Eigennutz und Gemeinsinn gesucht und BürgerInnen als ExpertInnen beteiligt. Im Jahr 2005 führte Nürtingen als 5. Kommune in Deutschland, die im Städtenetzwerk Civitas der Bertelsmann Stiftung entwickelte „Lokale Demokratiebilanz“ durch. Eine repräsentative Bürgerbefragung, eine Verwaltungsenquete und die Ratsbeteiligung sind dabei dynamische Elemente für die Belebung der lokalen Demokratie. In Nürtingen werden, wie mittlerweile in ganz Baden Württemberg, systematisch Bürgermentoren als Brückenbauer zwischen Verwaltung, Bürger und Politik  ausgebildet und eingesetzt. In Nürtingen ganz speziell in den 11 Beteiligungsforen.

Engagementförderung (EF)
Die konsequente Engagementförderung (EF) durch die Stabsstelle führte 1997 zur Einführung des Nürtinger Freiwilligenpasses. Das lokale Bonussystem bezieht Handel, Banken, Krankenkassen und Energieversorger als lokale Sponsoren und Förderer in den bürgergesellschaftlichen Kreislauf ein. In einem Scheckheft werden seitdem jährlich über 140 Gutscheine an Sachspenden, aber auch an Unterstützung durch Räume und Menpower den Engagierten angeboten. Der Freiwilligenpass hat einen finanziellen Wert von ca. 10.000 Euro und erreicht bis zu 3.000 Engagierte.

Die drei Ws Wertschätzung, Würdigung und Weiterbildung sind zentrale Entwicklungsbausteine der Engagementförderung im Freiwilligenwesen. Theater- oder Kinokarten, Freifahrten bis in die Bundeshauptstadt Berlin, Warengutscheine für Nürtinger Kaufhäuser (Bäcker und Metzger) sind für die Freiwilligen Anreiz und Anerkennung. Er steht für öffentliche Anerkennung als Gemeinschaftsleistung innerhalb unserer Kommune.Es steckt aber noch ein weiterer qualitativer, menschlicher Aspekt im Freiwilligenpass: Die Initiativen bieten selbst Gutscheine an, nehmen also nicht nur in Anspruch, sondern bringen ihr Engagement mit ein. Ob astronomische Führungen, Kirchturmrundblick oder Bootspartie – dieser Pass schafft die Voraussetzungen für ein Netzwerk von Geben und Nehmen..

1999: „Hier ist der Bürger wirklich König“.....
Die Stadt Nürtingen mit ihren 40.000 Einwohnern gewinnt den ersten Preis beim Bundeswettbewerb der Bertelsmann Stiftung „Bürgerorientierte Kommune- Wege zur Stärkung der Demokratie unter 83 teilnehmenden Kommunen vor Leipzig und Bremen. Mit dem Preisgeld in Höhe von DM 50.000,- wird eine städtische Bürger Stiftung eingerichtet. Der Preis bedeutete ein große Anerkennung für das Engagement der Bürger in der Stadt Nürtingen, für den Dialog zwischen Politik und Bürgerschaft und für eine konsequente Anerkennungskultur. Über 5 Jahre hinweg organisiert Bertelsmann das Städtenetzwerk Civitas, das bis heute durch die „Civitas Botschafter“ zum Erfahrungsaustausch genutzt wird.

Die Stadtverwaltung Nürtingen richtet 2001 in Absprache mit dem Personalrat das erste „Azubivolunteering“ in Deutschland ein: Verwaltungsauszubildende engagieren sich seitdem während der Arbeitszeit in sozialen Organisationen und Projekten

2001: Im Rahmen eines Lehrauftrags an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt thematisiert Hannes Wezel von der Stabsstelle BE das Thema „Corporate Volunteering“. Studenten erarbeiten Referate zum Thema und organisieren zusammen mit der Stabsstelle für BE der Stadt Nürtingen die Verleihung eines lokalen Ehrenamtspreises „Goldener Bingo“ am internationalen Freiwilligentag, dem 05. Dezember 2001, an sechs beispielhafte, ortsansässige Firmen. Diese haben die Möglichkeit, ihr Engagement einer großen Öffentlichkeit vorzustellen.

Im Jahr 2002: Die Zusammenarbeit zwischen der Stabsstelle BE der Stadt und der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt führt zur Einrichtung der Projekts „Servicelearning“. Studierende haben fortan die Möglichkeit, sich projektorientiert im Bereich der lokalen Bürgergesellschaft zu engagieren, ihre Fähigkeiten zu erproben und erhalten dafür ein Zertifikat.Die Auszubildenden-Vertretung der Firma Heller fragt im Bürgertreff nach Projekten, in denen sich 120 Auszubildende engagieren könnten! Gemeinsam mit den Azubis, der Personalabteilung der Firma Heller und dem Personalrat entsteht „HAI“, die Heller-Azubi-Initiative, mit eigenständigen, neuen Projekten und einer firmeneigenen Organisationsstruktur. Die Projekte reichen von Discos und Fußballturnieren mit Behinderten, über Waldreinigungsaktionen bis zum Verkauf von selbstproduzierten Waren auf dem Weihnachtsmarkt.

Erstmalig findet 2003 die „Messe Aktiv“ statt, eine Freiwilligen-Messe mit 120 Organisationen, darunter auch Firmen, die sich sozial engagieren. Über 10.000 Besucher kommen, staunen, diskutieren und vernetzen sich zu neuen Projekten.Azubivolunteering macht in Firmen die Runde: Die Azubis der Maschinenfabrik Heller engagieren sich jährlich mit 120 Auszubildenden. Diese Initiative ist nicht aufzuhalten und gewinnt den ersten Ehrenamtspreis des Landes Baden- Württemberg „Echt Gut“..

Beim jährlich stattfindenden traditionellen Benefizlauf „In Nürtingen läuft was“, bei dem jede gelaufene Runde 50 Cent für soziale Zwecke erbringt, wird 2005 erstmalig eine Firmenwertung ausgeschrieben. Die Firma mit den meisten Mitarbeitern am Start erhält einen Pokal. 20 Firmen beteiligen sich mit insgesamt ca. 500 Mitarbeitern. Eine ganz einfache Idee, wie Firmen aktiv etwas Gutes für das Gemeinwesen leisten können. Im Laufe des Sommersemesters wird von Studierenden und Mitarbeitern der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt gemeinsam mit der Stabsstelle BE und ausgebildeten BürgermentorInnen eine Fachtagung zum Thema Corporate Citizenship vorbereitet und im Oktober mit über 80 Teilnehmern aus Hochschule, Unternehmen, Kommunen und Sozialministerium realisiert. Der Experte Dieter Schöffmann hielt dabei den Hauptvortrag.

2006: Die vier Firmen Heller, Senner Medien, Pam Network Studios und die Stadt Nürtingen finanzieren und realisieren einen Kinospot mit dem Titel: „Nürtingen bewegt alle“ zum Thema „Unternehmen übernehmen soziale Verantwortung“. Der Nürtinger Kinopalast unterstützt diese Kampagne, indem dieser Spot zur Werbung neuer Firmen ein Jahr lang vor jedem Hauptfilm kostenlos gezeigt wird. Bereits nach sechs Wochen haben sich 4 neue Firmen, interessanterweise aus Handwerk und Einzelhandel, gemeldet.Ausgehend von der Tagung und den aktuellen Entwicklungen in Zusammenhang mit dem Kinospot bereitet eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Stabsstelle BE, Bürgermentoren und Hochschule zusammen mit der Wirtschaftsförderin der Stadt Nürtingen die Gründung eines ständigen Forums für CC vor. Dieses Forum ist eines von momentan elf Bürgerforen, die als Instrumente der Beteiligung an nahezu allen kommunalen Fragestellungen im Nürtinger Gemeinwesen mitwirken. Zur nachhaltigen Förderung des Bürgerengagements in Nürtingen wird die bislang rechtlich unselbständige städtische Stiftung vom Nürtinger Gemeinderat in eine eigenständige Bürger-Stiftung umgewandelt.

Und die Zukunft....ein Szenario..

Überall wurden Rathäuser zu Bürgerhäuser und nach und nach wuchsen aller Orten kommunale Zentren für Zivilgesellschaft, übrigens nach unserem Nürtinger Vorbild, in denen Politik - Bürger - Verwaltung gegenseitige Seitenwechselprojekte durchführen. So konnte gegenseitiges Verständnis geschaffen werden.

Bei uns hat jeder gewählte Stadtrat ja zwischenzeitlich seinen ausgebildeten Bürgmentor als Berater zur Seite und in den Verwaltungen gibt es nicht nur Azubivolunteering, sondern auch Amtsleitervolunteering - das schadet denen übrigens gar nix, das machte die Civitas-Kommune Essen bereits 2007 beispielhaft vor.

Klar, der monatliche „Bürgeraward“ inklusive den samstäglichen TV-Shows mit Gottschalk und Schmidt hat auch bei uns längst Kultstatus. Vor allem lässt ja keiner der Moderatoren aus, sich mit seiner ganz persönlichen Engagementgeschichte zu outen!Allen voran unser Nürtinger Lästermaul Harald Schmidt. Da kam ja ans Licht, dass er sich als Zivi und Organist in seiner Heimatstadt in jungen Jahren schon ins Zeug legte und als Moderator von Altennachmittagen und Sommerferienlagern Engagementspuren hinterließ ... Mir gefallen ja vor allem die Talkshows am Nachmittag. Und die Nachmittagsserien und Engagementsoaps ... „Verbotenes Engagement!“ Oder „Gute Menschen, schlechte Menschen“ - so aus dem Leben der Engagierten erfährt man halt hautnah, was den Leuten auf der Seele brennt.

Anerkennungskultur für Alle“ ist der zentrale Slogan der Bürgergesellschaft.Bei regelmäßigen Ehrungen von engagierten Bürgern, bürgerorientierter Verwaltung und engagierten Kommunalpolitikern, die immer Samstagmittags in der Halbzeitpause der Bundesligaspiele in den Stadien stattfinden und somit eine breite Öffentlichkeit erreichen, ist eine ganz neue Kultur der Anerkennung entstanden ....

Und regelmäßige Führungen durch das „Engagement-Museums-Dorf“ in Nürtingen zeigen, wie damals alles einmal anfing .........

Hannes Wezel

Stadt Nürtingen
Postfach 19 20
72609 Nürtingen

Marktstraße 7
72622 Nürtingen
Öffnungszeiten Rathaus:
Montag bis Freitag: 07.30 Uhr bis 12.00 Uhr
Dienstag: 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr
Donnerstag:14.00 Uhr bis 18.00 Uhr
Zusätzliche Öffnungszeiten Bürgeramt und Bürgerbüro Bauen:
Donnerstag: 07.00 Uhr bis 19.00 Uhr durchgängig

Das Sachgebiet Ausländerwesen ist mittwochs und freitags ganztägig geschlossen. Das Standesamt und die Kindergartenverwaltung sind mittwochs ganztägig geschlossen.
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