K   A   A   A
Home >  Stadtinfo + Tourismus >  Persönlichkeiten >  Harald Schmidt >  Maientagsgedicht

Maientagsgedicht von Harald Schmidt

Maientag

Amerika hat den Tag der Unabhängigkeitserklärung,

Paris den Sturm auf die Bastille

und Nürtingen den Maientag.

Am Maientag regnet es. Meistens.

Oder es fängt an zu regnen,

kurz nachdem der Umzug losgegangen ist.

Oder das Wetter hält grad noch,

bis der Umzug fertig ist.

Oder es gießt am Abend vorher,

beim Maientagssingen der Schulen

im Hof der Stadthalle wie aus Kübeln,

und am nächsten Morgen

ist das schönste Wetter.

Was koiner denkt het.

Beim Maientagssingen

sind nicht ganz so viele Leute da

wie später im Festzelt

oder beim Boxautofahren,

aber alle singen am Schluss

"Geh' aus mein Herz und suche Freud".

Hier ist allerdings nicht die Rede

vom Wiener Erfinder der Psychoanalyse,

(Kalauer, wird in den Hausaufsätzen der

Hölderlinstadt normalerweise nicht geduldet!) sondern es handelt sich um eine Art

Nürtinger Nationalhymne.

Der Fremdling staunt vor allem bei den Zeilen

Narzissen und die Tulipan

die fühlen sich viel schöner an

als Salomonis Seide,

über die Artikulation der

"a" in "Tulipan" und "schöner an",

eine Mischung aus a, o und Stöhnen,

die für den Nicht-Nürtinger

(Reigschmeckten) nicht erlernbar ist.

Am Vormittag haben die Schulkinder

zu meiner Zeit drei Brezeln

und eine Mark erhalten,

finanziert aus den Zinsen eines Nürtingers, der "in Amerika reich worra isch".

Am Maientag selber

herrscht auf gut Schwäbisch heileif.

Ab sechs Uhr morgens ist bei den

Damenfriseuren keine Trockenhaube

mehr frei, feinsinnige Mitbürger

werfen einen besorgten Blick gen Himmel,

die Schüler denken

"Hoffentlich fangts net a zom schiffa".

Gegen zehn Uhr nimmt der Festzug

an der Stadthalle Aufstellung.

Die Klassiker im Zug sind

"Stadtbrand", Rulaman, Stadtgarde

und Stadtkapelle.

Diese Abteilungen des Festzuges

stellen historisch bedeutende

Nürtinger Ereignisse oder

Persönlichkeiten dar.

Wer als Schüler in der Stadtgarde

mitmarschieren will,

muss mindestens einen Meter siebzig

groß sein.

Dies gilt nicht nur für die Honoratioren,

die früher selbst im Zug mitgelaufen sind

und heute wie alle Honoratioren von einer schlichten Holztribüne aus die Parade abnehmen.

Bei den Teilnehmern begehrte Gruppen

im Zug sind weiterhin die Radfahrer,

die zwischen die Speichen ihrer Räder

bunte Papierbänder gezogen haben,

sowie die Maientagstrommler,

die sich mit fleißigem Üben

während des gesamten Jahres

auf den Maientag vorbereiten.

In ihrer Nachbarschaft entsteht

häufig billiger Wohnraum.

Dann marschiert der Zug los,

Brunnsteige, Alleenstraße, Schillerplatz, Neckarsteige, Festplatz.

Früher war der Festplatz auf der Schreibere, wo heute das Hallenbad steht.

Seit dessen Bau feiert man direkt

am Neckar in Oberensingen.

Oberensingen ist ein traditioneller Stadtteil,

so wie in anderen Städten

Harlem oder Pöseldorf.

Natürlich haben sich die Oberensinger

ihre unverwechselbare Identität bewahrt.

Sie heißen "Sandhasen".

Die Nürtinger heißen "Stricknadeln",

wegen ihrer blühenden Strickwarenindustrie.

Auf dem Sportplatz neben dem Festzelt

finden im Anschluss an den Umzug

Tänze statt, die Sportlehrerinnen mit ihren

Schülerinnen einstudiert haben.

Hava nagila war früher der Hit.

Unter den Zuschauern überwiegen Mütter, Omas, Väter mit Videokameras

und verknallte Mitschüler.

Manchmal sieht man auch Mütter

und Omas mit einer Lanze und einem Helm

oder einer Trommel in der Hand.

Do, heb mol gschwend.

Der Maientagstrommler oder Stadtgardist

ist verschwunden, in der Geisterbahn,

auf dem Kettenkarussell, und die Oma

darf den ganzen Nachmittag auf die kostbaren Requisiten aufpassen.

Sollte es jetzt wider Erwarten regnen,

gibt es im Zelt keinen freien Platz mehr.

Wenn nicht, dann auch nicht.

Die Stadtkapelle spielt "Rosamunde"

oder "Tulpen aus Amsterdam",

und manchmal dirigiert ein Großkopferter,

vorausgesetzt,

er hat für alle Musiker eine Runde bezahlt.

Prostprostkamerad, prostprostkamerad...

Griaß Gott, Herr Doktr...

so semmr au bsoffa?

Die Dunkelheit macht den Toilettenwagen überflüssig.

So, no gammr hoim.-

Oma, wo isch mei Drommel?-

Wo sen meine Audoschlissl?

Was hoißt in meim Zustand nemme fahra?

Laufa ka i jo nemme, hahaha...

Schee wars.

Mr braucht halt jeds Johr meh Geld.

Ond Glick hemmr ghet middam Weddr.

Kommat guat hoim.

Ade...geh aus mein Herz...

(Verfasst anlässlich der Heimattage Baden-Württemberg, die 1989 in Nürtingen stattfanden.)