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Bürgerbefragungen

Den Nürtinger Werten auf der Spur

  

Repräsentative Bürgerbefragung nach neuer sozialwissenschaftlicher Methode soll Scharnierfunktion zu Bürgerbeteiligung bilden

  

NÜRTINGEN. Sehen Sie zuversichtlich oder eher sorgenvoll in die Zukunft? Worauf legen Sie Wert? Solche oder ähnliche Fragen stellen Meinungsforscher immer wieder, zum Beispiel für das monatliche Politbarometer zur Stimmung der Nation. Doch der meist mit großem Aufwand zu Tage geförderte bundesweite Trend muss für kleinere Sozialräume nicht zwingend gelten. Am Forschungsinstitut für Öffentliche Verwaltung an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer wurde deshalb eine Methode für kleinräumige Bürgerbefragungen entwickelt, die mit relativ geringem Aufwand eine repräsentative Schärfe garantieren. Nürtingen will in diesem und im nächsten Jahr dieses Instrument nutzen. Zum Auftakt ist nach den „Nürtinger Werten“ gefragt.

  

UWE GOTTWALD

  

Entwickelt wird die Methode seit vier Jahren in einem Pilotprojekt unter der Leitung von Professor Dr. Helmut Klages, einem Verwaltungswissenschaftler, der sich seit Jahren den Wechselbeziehungen zwischen öffentlicher Hand und Bürgerschaft widmet. Dessen Mitarbeiter Dr. Kai Masser stellte zusammen mit Nürtingens Oberbürgermeister Otmar Heirich und Hannes Wezel von der Geschäftsstelle für Bürgerengagement gestern im Rathaus den für Nürtingen konzipierten Fragebogen vor.

  

„Wir wollen damit auch die große Befragung aus dem Jahr 2005 ergänzen“, erläuterte Heirich. Zwar nicht in der damaligen Dimension, gleichwohl aber repräsentativ, betonte er. Dafür bestimmte Monika Austermann vom Einwohnermeldeamt nach einem statistisch belegbaren Schlüssel verschiedene Bevölkerungsgruppen, aus denen nach dem Zufallsprinzip 750 Personen ausgewählt wurden, die in diesen Tagen den Fragebogen zugeschickt bekommen. „Wir erhoffen uns Zusammenhänge zu finden zwischen Werten, die unserer Bürgerschaft wichtig sind, und der Bereitschaft, sich zu beteiligen“, so Heirich. „Im Civitas-Netzwerk bürgerorientierter Städte wenden noch Viernheim und Leipzig dieses Instrument an. Zum Thema Wertewandel anhand praktischer Beispiele innerhalb einer Stadt gibt es außer in Berlin jedoch noch keine Befragung.“

  

Die Fragen entwickelte das Forschungsinstitut zusammen mit der Geschäftsstelle für Bürgerengagement und der Sozialpädagogin Katrin Fehrle, die bereits vor drei Jahren als Honorarkraft und im Rahmen ihrer Diplomarbeit an der Fachhochschule für Sozialwesen die erste Befragung betreute. Dem Thema zugrunde liegt die These, dass sich Wertehaltungen der letzten Jahrzehnte im Umbruch befinden. „Hat bisher der Trend zur Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung vorgeherrscht, materialistisch ebenso wie ideell motiviert, so scheint dieser Individualismus wieder dem Wunsch nach gemeinschaftlichem Erleben und nach Beteiligung an der Gesellschaft zu weichen“, so Dr. Masser.

  

Ende der Spaßkultur und Hinwendung zu Beteiligung?
Ob die „Spaßkultur“ wirklich ausgedient hat, wie es der Erziehungswissenschaftler und Freizeitforscher Horst Opaschowski festgestellt hat, ob dieser Wertewandel auch in der kleinen „Nürtinger Gesellschaft“ schon auszumachen ist und was das für Bürgerengagement und Bürgerbeteiligung bedeutet, darauf soll die Befragung Antworten geben. Der Bogen ist in zehn Fragestellungen untergliedert. Die Befragten sollen zum Beispiel angeben, wie sie ihre persönliche Zukunft sehen, welche Vorstellungen ihr Leben und ihr Verhalten bestimmen, was sie unter Wohlstand verstehen, was ihnen an Erziehung wichtig ist, ob sie sich engagieren oder was sie davon abhält, welche Möglichkeiten sie sehen, sich in Planungsprozesse einzubringen, für wie nützlich sie die angeführten Beteiligungsinstrumente halten, welche Informationsquellen sie nutzen und welche Probleme in Nürtingen für sie vordringlich auf Lösungen warten.

  

Dr. Masser, der die Studie auswertet, hebt die Vorzüge hervor: „Ein möglichst geringer Aufwand und die Übertragbarkeit auf andere Städte. “ So sind die Kosten von je 3000 Euro für die beiden Befragungen in diesem Jahr recht günstig. Der praktische Nutzen steht im Vordergrund. Masser dazu: „Wir verstehen die Befragung als Scharnierfunktion zur Bürgerbeteiligung.“

  

Wichtig ist den Wissenschaftlern, möglichst alle Bevölkerungsschichten zu erreichen, weshalb sie auf einen zahlreichen Rücklauf hoffen. Beteiligen können sich neben den Angeschriebenen alle Interessierten. Deren Einsendungen müssen jedoch nach statistischen Kriterien abgeglichen werden, um das Ergebnis nicht zu verfälschen. „Zur Auswertung brauchen wir deshalb einige persönliche Daten, die jedoch streng vertraulich behandelt werden“, beteuert Wezel. Die Ergebnisse sollen nicht lange auf sich warten lassen. „Bis zum März sollten wir soweit sein“, glaubt Dr. Masser.

  

Fragebögen können beim Bürgertreff unter Telefon (0 70 22) 75-367 angefordert werden. Unter afv.dhv-speyer.de/nt/ können Interessierte die Fragen beantworten. Spätester Termin ist der 16. Februar 2009.

  

Hoffen auf zahlreiche Antworten (von links): Katrin Fehrle, Hannes Wezel, Monika Austermann, Dr. Kai Masser und Oberbürgermeister Heirich. ug

Quelle: © Nürtinger Zeitung vom 15.01.2009

  


Hier können Sie die Ergebnisse der Bürgerbefragung lesen.