„Engagement und Beteiligung gehören zusammen“
Der Nürtinger Bürgertreffleiter Hannes Wezel beleuchtet vor seinem Wechsel ins Staatsministerium die Entwicklung von Engagement-Bewegung und Demokratie
Hannes Wezel leitete den Nürtinger Bürgertreff seit seiner Gründung vor 20 Jahren. Nun wechselt der 58-jährige Diplompädagoge in den fünfköpfigen Stab von Gisela Erler, die vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann als Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung ins Staatsministerium berufen wurde.
VON UWE GOTTWALD |
NÜRTINGEN. Hannes Wezel leitete nicht nur den Bürgertreff, er wurde darüber hinaus nicht müde, die für ihn untrennbaren Themen wie Bürgerengagement und Bürgerbeteiligung über die Geschäftsstelle für Bürgerengagement zu befördern. An seinem letzten Arbeitstag stand er gestern im Interview dazu nochmals Rede und Antwort.
Der Bürgertreff feierte vor wenigen Wochen 20-jähriges Bestehen. Zunächst war er noch als Seniorenbegegnungsstätte geplant, doch das hat sich schnell weiterentwickelt. Wie war das damals?
Es war völliges Neuland, dass eine Kommune einen Treffpunkt für die Bürgerschaft zur Verfügung stellt. Der Gemeinderat hat sich damals auf der Zielgeraden noch dazu entschlossen, in Anbetracht des demographischen Wandels, der damals schon absehbar war, einen Treff für alle Generationen zu schaffen. Die Veränderungen im Altersaufbau der Gesellschaft sollten nicht nur ein Thema für Ältere sein, sondern man wollte von Anfang an alle zusammenholen. In der Nachbetrachtung war es von der Verwaltungsspitze und dem Gemeinderat genial, dieses Konzept im Rathausneubau auch baulich umzusetzen. Dafür gibt es bis heute kaum ein Beispiel. Das hat auch eine Symbolik: Man öffnet das Rathaus nicht nur für Verwaltung und Politik, sondern man gibt auch den Bürgern einen Platz im Haus des Rates.
Wie wurde diese Idee dann belebt?
Die erste Zeit war geprägt davon, Netzwerke zu knüpfen und vielen Menschen mit ebenso vielen Projekten die Möglichkeit zu geben, sich ehrenamtlich zusammen mit professionellen Kräften zu engagieren. Im Gegensatz zu Vereinen, die wir nicht ausschlossen, die aber über einen Rückgang von Ehrenamtlichen klagten, konnten wir für unsere Projekte Engagierte gewinnen und qualifizieren, wie zum Beispiel über 100 Bürgermentoren. Menschen kamen mit ihren Interessen, Fähigkeiten und Projekten, die zeitlich begrenzt waren. Man musste sich nicht auf immer und ewig verpflichten, die Leute bestimmten selbst den Umfang, das war neu.
Waren das die bisher schon Engagierten?
Teils, teils. Neu war, dass wir Projekte angegangen sind mit Menschen aus benachteiligten oder nicht beachteten Milieus, zum Beispiel pflegende Angehörige. Aber auch gesellige Projekte kamen zum Zug, zum Beispiel die Varieté-Veranstaltungen, bei denen Menschen allen Alters eine Bühne für ihre Talente bekamen, oder auch der Stadtlauf, der viele begeistert. Wir suchten aber auch Partner, auch unter Vereinen, mit denen wir neue Wege gingen, wie zum Beispiel die Feierabendtour zusammen mit dem Schwäbischen Albverein. Uns ging es immer darum, die Talente der Menschen zu wecken und ihnen eine Plattform dafür zu geben.
Nach der Anlaufphase, in der es darum ging, Mitstreiter zu gewinnen, hat die Idee des Bürgerengagements immer mehr Systematik bekommen, die auch in der Verwaltung und im Gemeinderat wahrgenommen wurde. Wie ging es weiter?
Aus den Erfahrungen heraus wurden bestimmte Aspekte weiterentwickelt, wie zum Beispiel eine Kultur der Anerkennung. Es hat sich schnell gezeigt, dass viele etwas für die Gesellschaft tun, dies jedoch im Verborgenen stattfindet, wie die wertvolle Arbeit pflegender Angehöriger, um nur ein Beispiel zu geben. Ich will nicht sagen, dass wir die Anerkennungskultur erfunden haben, aber wir haben sie systematisch beackert, woraus zum Beispiel der Nürtinger Freiwilligenpass entstand, den es heute noch gibt und der jährlich von Irmgard Schwend in die Praxis umgesetzt wird. Dafür stellen viele Geschäfte, auch die Krankenkassen, Gutscheine zur Verfügung, um mittlerweile nicht nur diese eine Gruppe, sondern ganz viele Engagierte ein wenig zu belohnen. Auch dahinter steckt wieder eine Symbolik.
Anerkennung in Form einer kleinen Belohnung?
Ja, auch. Aber der Begriff der Anerkennungskultur wurde bald noch breiter verstanden, etwa auch in dem Sinne, dass die Stadt Ressourcen zur Verfügung stellt, wie den Bürgertreff mit 300 Quadratmetern und inzwischen 2000 Belegungen im Jahr. Das Bürgerengagement erhielt Räume, während Anfang der Achtzigerjahre Engagement und so manche Vereinsarbeit noch in Hinterzimmern stattgefunden hatte. Daraus entwickelte sich die genialste Zeit, als der ehemalige Bürgermeister Guido Wolf uns zur Stabsstelle gemacht hat und wir zunehmend auch auf Landesebene wahrgenommen wurden. Viele Projekte wurden in dieser Zeit auch mit dem Sozialministerium initiiert, mit Konrad Hummel als unserem Vordenker schlechthin. Mit den Projekten haben wir versucht, die Theorien umzusetzen und den Dingen Leben einzuhauchen.
Nach dem freiwilligen Engagement und der Anerkennung spielte immer mehr auch der Begriff der Beteiligung eine Rolle.
Zur Anerkennungskultur gehört der Dialog. So entwickelten wir Mitte der 1990er-Jahre zusammen mit der Nürtinger Zeitung die Reihe „Politiker fragen, Bürger antworten“, was bis in die heutige Zeit eine Aussage ist, wenn zum Beispiel die jetzige Landesregierung von einer Politik des Zuhörens spricht. Egal, wie gut Bürgerbeteiligung in der Praxis umgesetzt wird, so geht es doch zunächst darum, dass Politiker und Bürger einmal die Rollen vertauschen. Das versuchten wir immer an konkreten Beispielen umzusetzen.
Gab es da ein Defizit?
Ausgangspunkt dieser Veranstaltungsreihe war eine Kommunalwahl, die damals stattgefunden hatte. Unsere Beobachtung damals war, dass wir im Bürgertreff viel besuchter Ort für zukünftige Gemeinderäte waren und sich die Kandidaten die Klinke in die Hand gaben. Nach den Wahlen waren viele nicht mehr gesehen. Die Überlegung daraus zusammen mit dem Zeitungsredakteur Gerrmann war, dass es Formen geben müsse, in denen Bürger und Gemeinderäte immer wiederkehrend miteinander im Gespräch sein konnten. So entstand die Beteiligung, als Vorläufer dessen, was wir versuchen zu praktizieren und was weiter das Ziel sein muss, nämlich Gemeinderäte frühzeitig in die Denkweise und die Ideen der Bürger mit einzubinden, wie sie denken, wie sie ticken. Darum müsste sich Politik viel mehr bemühen, viel rechtzeitiger und auch viel niederschwelliger, dazu bräuchte es nicht immer ein teures Verfahren.
Als ein Beispiel fallen mir dazu auch die Sozialkonferenzen ein.
Das war der nächste Schritt, dass wir jährliche Konferenzen eingeführt haben, immer zu aktuellen, auch brisanten gesellschaftlichen Fragen. Das waren Themen wie Arbeitslosigkeit oder Menschen mit Behinderungen – dieses Jahr wird es das Thema Inklusion sein. Es geht darum, die Menschen an solchen Fragestellungen zu beteiligen, wobei es unser Prinzip immer war, Bürger, Politik und Verwaltung frühzeitig zusammenzubringen.
Die ersten Sozialkonferenzen fanden im Bürgertreff statt, aber dabei blieb es doch nicht?
Es war uns immer auch ein Anliegen – auch aus den Erfahrungen der Zeltveranstaltungen im Rahmen des Stadtjubiläums –, mit Veranstaltungen wie der Sozialkonferenz oder „Politiker fragen, Bürger antworten“ aus dem Bürgertreff hinauszugehen, auch in die Stadtteile hineinzugehen, mit Anhörungen, Stadtteilkonferenzen, Begehungen, in der Braike, im Roßdorf, im Enzenhardt. Es sollte aber nicht dabei bleiben, nett zusammengesessen zu haben. Unsere Intention war immer auch ein Stück Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit für Verwaltung, Bürger und Politik zu schaffen. Im weiteren Sinn auf eine Sozialkonferenz zurückzuführen ist zum Beispiel das Café Regenbogen, das wir im Bürgertreff etabliert haben und das Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung bietet. Weitere Projekte sind entstanden wie „Braike aktiv“ oder die Stadtteilinitiative in der Kirchheimer Vorstadt oder im Enzenhardt die Unterstützung des Forums Pro Enzenhardt bei der Mitgestaltung des Enzenhardtplatzes. Auch kann das Forum jetzt im Stadtteil Räumlichkeiten nutzen. So ist es kein Widerspruch, dass Bürgerengagement zeitlich begrenzt sein kann und es dann doch nicht zu Ende ist. Vielmehr geht es darum, die Impulse in verlässliche Strukturen zu überführen.
Mit der Zeit brauchte es gar nicht mehr viel Werbung, viele kamen ja auch auf den Bürgertreff zu.
Richtig, viele Initiativen, darunter viele Selbsthilfegruppen, merkten, dass sie bei uns nicht nur Räume, sondern auch Begleitung und Beratung bekommen. Daraus ist ein eigener Bereich geworden, wir haben die Selbsthilfekontaktstelle unter der Leitung von Silvia Sollner gegründet. Es kamen aber auch Firmen, da war der Stadtlauf ein guter Katalysator, bei dem auch viele Firmen mitmachen. Ein Beispiel dafür: Vor zehn Jahren riefen Auszubildende der Firma Heller an und wollten mitmachen beim bürgerschaftlichen Engagement. Das griffen wir gerne auf, im Rathaus hatten wir ja auch bereits ein Azubi-Volunteering eingerichtet, das meine Kollegin Katrin Fehrle zum festen Ausbildungsinhalt machte und das für alle Rathaus-Azubis fester Bestandteil ist. Da gehen alle Verwaltungs-Azubis in soziale Projekte und sind dazu noch sechs Wochen im Bürgertreff.
Das wollte man bei der Firma Heller auch?
Das hatte man bei der Firma Heller mitbekommen, die rückten mit circa 120 Azubis an. Das war eine Dimension, für die es komplett neue Projekte brauchte, die man zusammen ausarbeitete. So gibt es immer noch jährlich Begegnungen beim Fußballturnier und bei der Disco mit Menschen mit Behinderung oder auch deren Beteiligung beim Stadtlauf. Immer mehr schlossen sich der Ehrenamtsbewegung an. Wir waren auch aktiv im Landesnetzwerk ebenso wie im Bundesnetzwerk Civitas, wo man sich mit anderen Kommunen zusammenschloss und gegenseitig ganz viel voneinander lernte.
Du selbst redest ja nicht so gerne über Preise, doch muss man sagen, dass Nürtingen den Preis der Bertelsmann-Stiftung im bundesweiten Wettbewerb gewonnen hat, aus dem das Civitas-Netzwerk hervorging, vor zwei Jahren dann auch den bundesweit ausgeschriebenen Engagementpreis. Leichter wird Dir vielleicht fallen, den Preis für die Heller-Azubis zu erwähnen.
Genau, die haben den ersten Preis beim baden-württembergischen Ehrenamtswettbewerb „Echt gut“ gewonnen. Aber Preise sind so eine Sache. Für Bayern München sind doch die Meisterschaften vergangener Jahre auch nicht das Wichtigste. Wichtig ist doch vielmehr, wie gut man jetzt ist. Sicher haben wir die Preise auch gewonnen, weil wir beispielgebend, wegweisend und vernetzt gearbeitet haben, aber gut sind die Preise vor allem für die Ehrenamtlichen. Es war immer sehr eindrucksvoll, wie wir diese Preise mit ihnen zusammen gefeiert haben, ihnen gehören sie und wir sind hier, um für sie Dienstleister zu sein. Wir haben bei den Wettbewerben mitgemacht, damit die Menschen, die sich engagieren, Anerkennung finden. Auch für die gemeinsam mit der Nürtinger Zeitung produzierte Bingo! haben wir gemeinsam den Mittelstandspreis für soziale Verantwortung bekommen. Damit wurde das Engagement des Verlags für die Zeitungsbeilage honoriert, die Inhalte sind aber auch Anerkennung für die Arbeit von Ehrenamtlichen.
Das waren jetzt 20 Jahre Bürgerengagement und Bürgerbeteiligung im Zeitraffer. Wie siehst Du nun die Zukunft von Bürgerengagement?
Es dürfte keine Bürgerbeteiligung ohne Engagement und kein Engagement ohne Beteiligung geben. Wenn sich Bürger in ihren Kommunen einbringen sollen, dann müssen auch Vereine und auch Wohlfahrtsverbände die Leute mehr beteiligen und nicht immer nur das Ehrenamt in Anspruch nehmen und den Leuten dafür nicht mehr als die Hand geben. Das Engagement ist so viel wert in unserer Gesellschaft, da darf es auch ruhig mehr Beteiligung sein, nicht nur im kommunalen Sektor, sondern auch im verbandlichen und bei den Vereinen.
Was bedeutet Beteiligung konkret?
Wenn man von Beteiligung redet, dann redet man immer von einem Mehr an Demokratie und Mitsprache. Die Systematik, die von unserer Geschäftsstelle für Bürgerengagement gemeinsam mit Oberbürgermeister Otmar Heirich schon kurz nach seinem Amtsantritt entwickelt wurde und die der Gemeinderat in seiner Geschäftsordnung inzwischen verankert hat, nämlich dass es Foren gibt, die offen sind und in denen Bürgerinnen und Bürger mitarbeiten können und die ihre Arbeit und ihre Projekte wieder in den Gemeinderat zurückspiegeln, die wird nach wie vor in Expertenkreisen als sehr zukunftsweisend angesehen.
Reicht das aus?
Über die Meinungen aus den Foren hinaus sind unsere regelmäßigen repräsentativen Befragungen wertvolle Quellen von Bürgermeinungen. Allerdings wird es in Zukunft sicher mehr direkte Formen von Bürgerbeteiligung geben müssen. Dazu könnte gehören, die Quoren für direkte Formen zu senken, aber nicht nur. Es sollte ein Mix werden aus informellen Formen der Beteiligung, die man ganz rechtzeitig einsetzt, und Formen direkter Demokratie. Außerdem steckt die Gesellschaft nicht nur im demographischen Wandel, auch die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander. Deshalb kann es nicht sein, dass nur die Lauten Gehör finden und nur die gut Gebildeten, hoch Informierten, Protestbereiten zum Zuge kommen, sondern wir uns auch bei der Beteiligung mehr denn je den Benachteiligten zuwenden müssen. Wir müssen auch Menschen, die nicht so wortgewaltig sind, auf diesem Weg zu neuen Demokratieformen mitnehmen.
Da gibt es noch viel zu entwickeln, was an Deiner neuen Arbeitsstelle auf Dich wartet. Wie sieht das Team aus, in dem Du arbeiten wirst?
Wir sind ein Team von Fachleuten aus unterschiedlicher Disziplinen, aus dem Bereich des Rechts, der Politikwissenschaft und eben ich als Diplompädagoge, sozusagen als Mensch aus der Praxis. Wichtig wird sein, einen Leitfaden zu entwickeln, wie man diesen Anspruch nach mehr Bürgerbeteiligung umsetzen kann, und zwar nicht nur in den Kommunen, wo die Menschen aktiv sind, sondern auch auf ministerieller Ebene, also zu überlegen, wie sich Ministerien für mehr Bürgerbeteiligung öffnen können.
Noch ein Letztes?
Ja, den Bürgertreff und die Geschäftsstelle Bürgerengagement 20 Jahre zu betreuen, kommt fast einem Marathon gleich, das schafft man nur in einem guten Team, mit wunderbaren Kolleginnen, die ich hatte. Ihnen gebührt mein Dank, aber auch allen aktiven Bürgerinnen und Bürgern. Wir sind dazu da, das Engagement zu ermöglichen, es zu unterstützen, die Türen aufzuhalten. Den Engagierten ist Respekt zu zollen, die dieses Thema so in Nürtingen belebt haben.

Wechselt den Arbeitsplatz: Bürgertreffleiter Hannes Wezel, auf dessen Ringen um systematische Bürgerbeteiligung man auch im Staatsministerium des neuen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann aufmerksam wurde.
Foto: Holzwarth
Quelle: © Nürtinger Zeitung vom 01.10.2011