Nach 20 Jahren immer noch verrückt
Bürgertreff am Rathaus feierte Geburtstag mit einer Bürgertafel – Minister Nils Schmid: „Kommunales Zentrum für Zivilgesellschaft“
Nürtingens Bürgertreff feierte seinen 20. Geburtstag. „Mit unserem Verständnis für bürgerschaftliches Engagement sind wir unserer Zeit um 20 Jahre voraus“, betonte Oberbürgermeister Otmar Heirich bei der Feierstunde in der Glashalle des Rathauses. Höhepunkt des Festes war die Nürtinger Bürgertafel. Vertreter von Gemeinderat und Verwaltung servierten das Geburtstagsessen.
VON CHRISTA ANSEL |
NÜRTINGEN. Der Bürgertreff sei dem Teenageralter entwachsen, sprühe aber auch als jugendlicher Erwachsener noch immer vor Ideen. Das sei gut so, betonte Otmar Heirich, zeige es doch, wie lebendig diese Einrichtung sei. Der Bürgertreff könne nicht verrückt genug sein. Nur so entstehe spannendes Neues. Und das sei erforderlich, um auch in der Zukunft zu bestehen.
Heirich lobte die Infrastruktur des Nürtinger Bürgertreffs, die enge Verbindung von Bürgerengagement, Verwaltung und Gemeinderat. Er erinnerte an die Geschichte des Bürgertreffs, an seine Anfänge im Zusammenhang mit der Rathauserweiterung und an die Idee, die wichtige Voraussetzung für den Erfolg, den Bürgertreff von Anfang an offen zu halten für Jung und Alt. Niemand werde hier ausgeschlossen, viele Gruppierungen hätten hier Heimat. Unter dem Dach des Bürgertreffs zeige sich die Vielfalt der Gesellschaft. Der Bürgertreff sei interkulturell, generationenübergreifend und integrativ.
Hauptamtliche und freiwillig Engagierten arbeiteten hier auf Augenhöhe. Für den Oberbürgermeister eine ganz wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Einrichtung. Das zeige sich nicht nur in der Auszeichnung durch die Bertelsmannstiftung oder der Überreichung des deutschen Engagementpreises. Das Interesse der Menschen aus dem In- und Ausland am Konzept des Nürtinger Bürgertreffs lasse auch nach 20 Jahren nicht nach. Längst habe sich bürgerschaftliches Engagement zum Markenzeichen Nürtingens entwickelt.
Bürgerengagement werde sich auch in der Zukunft weiterentwickeln, werde bunter, autonomer, gesellschaftskritischer und politischer, betonte Heirich. Aufgabe des Bürgertreffs sei deshalb auch künftig, diese Entwicklung zu begleiten, zu steuern und im Sinne der Stadt zu nutzen.
Nils Schmid, stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Wirtschaft und Finanzen, erinnerte in seiner Festrede an den Geist des Bürgertreffs, der auch ihn als Jugendlichen erfasst habe. Und damit meinte er sein Engagement für die Einrichtung des Jugendgemeinderates. Schmid verwies auf das vorbildliche, erfolgreiche Konzept des Bürgertreffs, sprach von einem von großer Leidenschaft geprägten Team. Der Bürgertreff schaffe Raum für Initiativen, sei das kommunale Zentrum für die Zivilgesellschaft. Bürgerengagement solle man im Sinne von politischer Teilhabe verstehen und stärken. Auch nach 20 Jahren treibe das bürgerschaftliche Engagement in Nürtingen Blüten. Und die gelte es weiter kräftig zu düngen.
Längst sei bürgerschaftliches Engagement in der Gesellschaft fest verankert. Das polare Bild, Bürger als Gegensatz zum Staat zu betrachten, sei überkommen. „Wir verstehen uns als Bürgerregierung“, verwies der in Nürtingen lebende Minister, Herausforderungen der Zukunft seien nur gemeinsam zu lösen.
Markus Grübel, Vorsitzender des Unterausschusses für bürgerschaftliches Engagement im Deutschen Bundestag, dankte für das besondere bürgerschaftliche Engagement in Nürtingen, das weit über den Durchschnitt im Bund und im Land hinausgehe. In Nürtingen habe man von Anfang an den Mehrgenerationen-Gedanken aufgegriffen und damit ein urmenschliches Bedürfnis befriedigt.
Von der Vielfalt im Bürgertreff, von den vielen hier realisierten Ideen berichteten Bürgertreffleiter Hannes Wezel und sein Team um Nathalie Küster, Katrin Fehrle, Silvia Sollner, Irmgard Schwend und Ulrike Franz. Sie wiederholten den Laudatio-Text, den Timo Brunke anlässlich der Auszeichnung mit dem deutschen Engagementpreis im Jahr 2009 verfasst hat.
Höhepunkt der Geburtstagsfeier des Bürgertreffs aber war die Bürgertafel. Die Frauen der Schulmensa der Realschulen hatten gekocht und Vertreter der Verwaltung mit Otmar Heirich und Claudia Grau an der Spitze sowie Vertretern aus dem Gemeinderat bewirteten die Bürger, die es nach den Worten des Oberbürgermeisters zu feiern gelte. Vielleicht, so der Wunsch des Stadtoberhauptes, sei dies ja der Anfang einer Tradition, die, wenn sie wachse, dann sogar auf dem Marktplatz stattfinden könne.
Den musikalischen Rahmen der Geburtstagsfeier schufen in der Glashalle des Rathauses das Blechbläser-Ensemble der Musik- und Jugendkunstschule und beim gemeinsamen Essen im Bürgertreff die Damenkapelle um Reinmar Wipper.

Das Team des Nürtinger Bürgertreffs (vorne rechts) freute sich über viele Gäste, unter ihnen die Bundestagsabgeordneten Michael Hennrich, Markus Grübel und Rainer Arnold sowie der Landtagsabgeordnete Thaddäus Kunzmann und der baden-württembergische Wirtschafts- und Finanzminister Nils Schmid. sel

Gemeinderat Achim Maier als Servicekraft bei der ersten Nürtinger Bürgertafel.
Quelle: © Nürtinger Zeitung vom 23.05.2011