Leidenschaft fürs Engagement
Die 13. Nürtinger Sozialkonferenz in der Samariterstiftung stand unter dem Motto „Betroffen sein und beteiligt werden“
Behinderte Menschen, die sich im Ehrenamt engagieren? Ja, davon gibt es immer mehr und die Nürtinger Sozialkonferenz am Freitag in den Räumen der Samariterstiftung gab ihnen ein Forum, um sich und ihr Engagement vorzustellen.
VON SYLVIA GIERLICHS |
NÜRTINGEN. Seelische Krisen bedeuten oft einen Bruch im Leben. Doch Menschen, die seelische Krisen durchlebt haben, können sich oft besonders gut in die seelischen Leiden anderer hineinversetzen. Diese Fähigkeit nutzt das europäische Pilotprojekt „Ex-In“. Menschen, die psychiatrische Einrichtungen aus eigener Erfahrung kennen, werden zu Genesungsbegleitern oder auch zu Dozenten ausgebildet. Aus einem Patienten wird so ein Akteur, jemand der wieder am gesellschaftlichen Leben teilnimmt und zum Partner für das psychiatrische Hilfesystem wird.
Diese Idee wurde von 2005 bis 2007 vom europäischen Fonds Leonardo da Vinci gefördert. Die Offene Herberge in Stuttgart stellte Ex-In auf der Sozialkonferenz in Nürtingen vor, denn in der Offenen Herberge werden ab Oktober Ausbildungskurse für ganz Baden-Württemberg angeboten. Der Verein ist prädestiniert für diese Aufgabe, denn er erfüllt die Vorgaben von Ex-In nahezu perfekt. Die Mitglieder des Vereins sind fast alle psychiatrieerfahren, ebenso die Vorstandsmitglieder, von denen Elke Frank und Michael Ogger nach Nürtingen gekommen waren.
Vesperkirche wirkt milieu- und generationenübergreifend
Doch auch in Nürtingen, der heimlichen Hauptstadt des bürgerschaftlichen Engagements, gibt es vorbildliche Projekte. So stellte Monica Moll auf der Sozialkonferenz die Vesperkirche vor. „Keinesfalls ist sie als Armutsprojekt gedacht, die Bedürftigen eine warme Mahlzeit gibt“, stellte sie klar. Vielmehr solle die Vesperkirche ein Ort der Begegnung für Menschen sein, die sich im Alltag nicht begegnen würden. Denn Menschen in prekären Situationen vereinsamen und müssen aus ihrer Situation herausgeholt werden, weiß Moll. Ob Philipp-Matthäus-Hahn-Schule, Bodelschwingh-Schule oder der Leiter des Finanzamts, ob 14 oder 89 Jahre, die Vesperkirche wirke milieu- und generationenübergreifend.
Betroffene als Experten in eigener Sache, mit denen man gemeinsam Ziele entwickelt – das war das Thema der 13. Nürtinger Sozialkonferenz. Dass dies ein recht moderner Ansatz im Umgang mit Betroffenen ist, zeigte Gottfried Wolf aus dem baden-württembergischen Sozialministerium auf. Aus seiner früheren Tätigkeit bei der Diakonie erinnerte er sich an eine Diakonieschwester, die von allen nur „Trinker-Hilde“ genannt wurde. „Eine moralisch gefestigte Person, die sich zu den Gefallenen hinabbeugt“ war das Bild, dass er von der Trinker-Hilde zeichnete. Doch nur Betroffener zu sein entmündige. Beteiligt zu werden verlange allerdings von den Betroffenen, gewohnte Bahnen zu verlassen, was auch nicht immer einfach sei.
Dabei sein von Anfang an: das ist es, was Hannes Wezel, quasi der Motor des Nürtinger Bürgertreff, sich für die Bürger der Stadt wünscht. Und manche dieser Bürger bezeichnet er als Feuerseelen, Menschen, die nicht auf das Negative schauen, sondern voranschreiten. Im Bürgertreff gibt es einige dieser Feuerseelen. Sie betreiben das Café Regenbogen oder eine der über 60 Selbsthilfegruppen, die sich regelmäßig in der Marktstraße 7 treffen.
Fazit der Sozialkonferenz, die am Freitagnachmittag endete: Drei Projekte werden weiterverfolgt. „,Brückenschlag‘ heißt eines dieser Projekte. Hier werden Menschen qualifiziert, die dann andere an der Hand nehmen. Menschen aus der Tagesklinik in Oberensingen könnten beispielsweise mit diesen Begleitern für Bewohner des Dr.-Vöhringer-Heims Einkäufe erledigen“, erklärte Hannes Wezel.
Thementage, bei denen Informationen ausgetauscht und neueste Entwicklungen weitergegeben werden, sollen künftig öfter veranstaltet werden, so der einhellige Wunsch der Teilnehmer der Sozialkonferenz. Drittes Projekt werde ein Kultur- und Theaterprojekt für behinderte und nicht-behinderte Menschen sein, verkündete Wezel, der die Veranstaltung als anregend empfand. Sein Dank ging an die Samariterstiftung, die die Konferenz mitorganisiert hatte.

In der Ideenwerkstatt der Sozialkonferenz machten sich die Teilnehmer Gedanken über neue Projekte.
Foto: Holzwarth
Quelle: © Nürtinger Zeitung vom 12.06.2010