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Arbeiter Kind.de macht Mut zum Studium

  

Bundesweite Initiative informiert im Internet und vor Ort – Ein Ziel: Junge Menschen nicht-akademischer Herkunft begleiten

  

Die Eltern haben nicht studiert, die Großeltern auch nicht, auch sonst ist in der Verwandtschaft niemand bekannt, der auf eine Hochschulbildung verweisen könnte. Da scheint der eigene berufliche Werdegang vorbestimmt, mehr als einen Lehrberuf traut man sich dann doch nicht zu. Das muss aber nicht sein, sagt Katja Urbatsch, die Arbeiter Kind.de gegründet hat.

  

 

VON UWE GOTTWALD

  

NÜRTINGEN. Die Initiative Arbeiter Kind.de hat mittlerweile ein bundesweites Netzwerk mit 70 lokalen Gruppen und rund 1000 ehrenamtlichen Initiatoren gespannt, die Schüler auf dem Weg zum Studium beraten. Vor allem Kinder wie Katja Urbatsch, die aus nicht-akademischen Familien stammen, brauchen Unterstützung, so ihre Erfahrung. „Nicht nur finanziell, sondern vor allem durch Ermunterung und Bestätigung“, sagte sie bei ihrem Vortrag in der Nürtinger Hochschule für Wirtschaft und Umwelt.

  

Eingeladen wurde sie von Bürgertreffleiter Hannes Wezel, der die Nordrhein-Westfälin vergangenen Dezember in Berlin bei der Verleihung des Deutschen Engagementpreises kennengelernt hatte. Während Nürtingen in der Kategorie Politik und Verwaltung ausgezeichnet wurde, bekam Urbatsch und ihre Initiative den Preis in der Kategorie Soziale Unternehmen. Urbatsch ist die einzige Hauptamtliche der gemeinnützigen Unternehmensgesellschaft, im Moment finanziert durch ein Stipendium einer Stiftung. Das gibt ihr die Möglichkeit, bundesweit bei Veranstaltungen zu informieren und weitere Mitstreiter für die Initiative zu gewinnen.

  

Wezel stellte den Kontakt zur Nürtinger Hochschule her, deren Marketingleiter Andreas Bulling den Faden aufgriff. Zum Informationsabend waren bereits rund 30 Schülerinnen und Schüler gekommen, aber auch Studierende, war es doch das Ziel, zusammen mit der Hochschule eine Nürtinger Gruppe Arbeiter Kind.de zu gründen.

  

Nur die Tatsache, aus einer nicht-akademischen Familie zu stammen und deshalb gar nicht an ein Studium zu denken, findet Urbatsch nicht nur schade im Interesse der Betroffenen. „Es ist auch eine Verschwendung von Resourcen, denn Begabung hat nichts mit Herkunft zu tun.“ Deutschland werde künftig mehr denn je gut ausgebildete Menschen brauchen, so Urbatschs Überzeugung. Dabei gehe es ihr überhaupt nicht darum, jedem und jeder ein Studium aufzudrängen. „Für manche ist eine Berufsausbildung das Richtige, für manche ein Studium, für andere wiederum eine Kombination daraus, doch sollten wenigstens die Möglichkeiten offen liegen, damit möglichst informiert entschieden werden kann“, plädiert Urbatsch.

  

Dass sich in Deutschland die Wahrscheinlichkeit, ob ein Kind studieren wird, am Bildungsstand der Eltern ablesen lasse, belegte Urbatsch mit einigen Zahlen. Laut einer aktuellen Sozialstudie des deutschen Studentenwerks nehmen von 100 Akademikerkindern 83 ein Hochschulstudium auf. Dagegen studieren von 100 Kindern nicht-akademischer Herkunft lediglich 23, obwohl doppelt so viele die Hochschulreife erreichen. Die hohe finanzielle Belastung sei dabei nur einer von vielen Gründen, maßgeblich sei auch ein Informationsdefizit. „Viele wissen zum Beispiel nicht Bescheid über die unterschiedlichsten Stipendien“, sagt Katja Urbatsch. So sei es typisch, dass im Begabten-Förderwerk wieder mehr Akademikerkinder vertreten seien.

  

Jeder soll die Möglichkeit zur objektiven Entscheidung haben
Das Informationsdefizit will Arbeiter Kind.de verringern. Die Initiative klärt über verschiedene Studiengänge und die Berufschancen auf, über Finanzierungsmöglichkeiten wie Bafög oder Stipendien, sie gibt Tipps bei zu immer wiederkehrenden Problemen während eines Studiums. Dazu ist ein Internetportal eingerichtet, doch geht die Initiative auch vor Ort mit ehrenamtlichen Mentoren, die von Arbeiter Kind.de geschult und mit Vortragsmaterialien versorgt werden, in Schulen. Nicht zuletzt wird die Möglichkeit geschaffen, mit Gleichgesinnten bei regelmäßigen Stammtischen zusammenzukommen.

  

Das soll künftig auch in Nürtingen möglich sein. Am Ende konnten Urbatsch, Wezel und Bulling zufrieden sein, hat sich doch eine Studierende bereit erklärt, eine Nürtinger Gruppe in der Anfangsphase zu betreuen. Unterstützung bekommt sie von Johannes Klenk, einem Doktoranden der Universität Tübingen, der in Stuttgart als Mentor eine Gruppe betreut.

  

Das erste Treffen findet am 21. Juni um 19 Uhr im Altbau der Nürtinger Hochschule an der Neckarsteige statt. Interessierte, auch mögliche Mentoren, sind dazu eingeladen. Weitere Informationen gibt der Bürgertreff unter Telefon (0 70 22) 75-3 66.

  

Katja Urbatsch informierte über ihre Initiative Arbeiter Kind.de in der Nürtinger Hochschule. ug
Quelle: © Nürtinger Zeitung vom 26.05.2010