Presseberichte
Verbunden im Erfahrungsaustausch
Neues Peer-Paten-Programm des Nürtinger Bürgertreffs soll Menschen mit ähnlichen Lebenssituationen stärken
NÜRTINGEN. Glücklich kann sich schätzen, wer einen guten Nachbarn hat, wer sich im Kreise von Bekannten, Freunden und Verwandten weiß, in dem aufeinander geachtet wird. Erfahrungen treffen aufeinander, seien es gute oder auch schlechte. „In Zeiten, in denen sich Globalisierung und Vereinzelung die Hand reichen, wird es immer wichtiger, gelebte Erfahrungen weiterzugeben“, sagt der Nürtinger Bürgertreffleiter Hannes Wezel. Sein neues Peer-Paten-Projekt will der Bürgertreff der drohenden Vereinzelung entgegenstellen.
UWE GOTTWALD |
„Im Moment hat man den Eindruck, unsere Gesellschaft wird von Banken und der Wirtschaftskrise beherrscht“, so Wezel. Umso wichtiger hält es der Leiter der Nürtinger Geschäftsstelle für Bürgerengagement deshalb, mit dem sogenannten dritten Sektor nach Staat und Wirtschaft, dem Bürgerengagement, eine andere gesellschaftliche Realität hochzuhalten. Wezel legt jedoch Wert auf die Feststellung: „Bürgerengagement ist kein Allheilmittel und auch keine Geld-Ersatzleistung.“
Viel wichtiger ist Wezel, Menschen zu fördern und zu befähigen, an der Gesellschaft teilzuhaben. Auch bei staatlichen Institutionen sei dies als Aufgabenstellung mittlerweile angekommen. Baden-Württemberg war Vorreiter mit einer eigenen Stabsstelle für Bürgerengagement innerhalb des Sozialministeriums, andere Bundesländer haben nachgezogen. Doch schon drohe eine Bürokratisierung, die auch nicht gewollt sein könne.
„Nicht jedes Engagement lässt sich bis ins Detail organisieren“, so Wezel. Nicht immer benötige es eine organisierte Gruppe, manche gegenseitige Hilfe könne auf ganz direktem Weg erfolgen. „Mit dem Peer-Paten-Programm wollen wir eine neue Form des Engagements in Nürtingen anregen“, erklärte Wezel gestern bei der Vorstellung des Projekts im Bürgertreff.
„Einfach und unbürokratisch sollen zeitlich befristete persönliche Begegnungen in den unterschiedlichsten Bereichen ermöglicht und vermittelt werden“, erklärt der Bürgertreffleiter den niederschwelligen Ansatz, Menschen mit ähnlichen Problemen und Anliegen zusammenzubringen. Peer wird als soziologischer Begriff für Gruppen mit gleichen oder ähnlichen Lebensbedingungen verwendet. Unter diesen „Gleichgesinnten“, zum Beispiel Menschen mit demselben Krankheitsbild, könnte derjenige, der einmal diese Krankheit durchlitten hat, andere an die Hand nehmen und zum Begleiter durch eine schwierige Zeit werden. In den Begegnungen können Werte und Zukunftsvorstellungen von Menschen in ähnlicher sozialer und kultureller Situation vermittelt werden, glaubt Wezel. Der Erwerb neuer sozialer Kompetenz und ein Weg zu einer positiven Entwicklung des eigenen Lebens seien möglich.
Das Peer-Paten-Programm will nicht mit professionellen Hilfsdiensten konkurrieren, obwohl Wezel anmerkt: „Der demografische Wandel stellt große Herausforderungen, nicht jede Hilfe ist bezahlbar.“ Nicht vom Staat und nicht für jeden aus privatem Budget.
Die Eins-zu-Eins-Kontakte sollen auch kein Gegenmodell zu den Selbsthilfegruppen sein. Im Gegenteil, in diesen Gruppen, die durch die Selbsthilfekontaktstelle im Bürgertreff begleitet werden, haben sich zum Teil schon solche persönlichen Beziehungen ergeben. „Bei unseren Treffen geht es um den Austausch von Informationen und ganz konkreten Ratschlägen, doch dazwischen sind wir auf tragfähige Beziehungen angewiesen“, sagt Egon Waldstett, der Gründer der Nürtinger Selbsthilfegruppe Schlaganfall. Die bieten, soweit vorhanden, Ehepartner und Verwandte, aber auch Gruppenmitglieder, zum Beispiel wenn es um Mobilität geht.
Manchmal braucht es persönliche Ansprache
Auch Monika Stoitzner, Gründerin der Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen, bestätigt: „Es braucht mehr als die Gruppe, in Krisensituationen sind ganz persönliche Stützen von großer Bedeutung.“ Und Waldtraud Hanemann von der Selbsthilfegruppe Fibromyalgie hat die Erfahrung gemacht: „Manchmal geht es um ganz persönliche Empfindungen, die man nicht gleich vor der Gruppe ausbreiten möchte.
Zum Peer-Paten-Programm zählt Wezel aber auch Engagierte, die ihre Erfahrungen in ganz konkrete Hilfe ummünzen. „Das kann der Familienvater sein, der seine erworbenen Erziehungskompetenzen auch außerhalb der Familie einbringt. So betreut zum Beispiel Frank Keppeler seit vier Jahren einen italienischen Jungen, überwiegend in schulischen Angelegenheiten, aber auch bei manchen privaten Aktivitäten.
Wer beim Peer-Paten-Programm mitmachen möchte, kann sich beim Bürgertreff melden und seinen Wunsch-Einsatz mitteilen. Die Geschäftsstelle prüft, wo Bedarf besteht, und bringt die Partner zusammen. Gemeinsam werden Einsatzzeit und Rahmenbedingungen festgelegt. Auf Wunsch begleiten Bürgermentoren die Treffen.
Weitere Informationen gibt es im Bürgertreff bei Hannes Wezel und in der Selbsthilfekontaktstelle von Irmgard Schwend und Silvia Sollner unter Telefon 75-367.
Energie und Kraft aus dem Leben der anderen ziehen
Nürtinger Bürgertreff stellt sein neues Peer-Paten-Projekt vor - Ergänzung zu den bereits bestehenden Diensten
NÜRTINGEN. Freiwillige, die ihre Lebenserfahrung an andere weitergeben wollen - genau diese Menschen sind es, die der Nürtinger Bürgertreff sucht. Mit dem Austausch soll eine neue Form des Bürgerengagements auf den Weg gebracht werden.
Von Tanja Liebmann |
Der ehemalige Bundeskanzler Konrad Adenauer hat einmal gesagt, Erfahrungen seien wie Samenkörner, aus denen Klugheit emporwachse. In diesem Sinne soll in Nürtingen nun ein Garten entstehen, in dem die Bürger von den Erfahrungen anderer Bürger lernen können. Hannes Wezel, der Leiter des Nürtinger Bürgertreffs, denkt dabei an die unterschiedlichsten Bereiche des Lebens - etwa an Beratung und Hilfe bei Krankheiten, bei Lernschwäche sowie in anderen schwierigen oder belastenden Lebenslagen.
Im Mittelpunkt des Peer-Paten-Programms stehen dem Bürgertreffleiter zufolge die gleichen oder ähnlichen Lebensbedingungen von Menschen aller Generationen. „Wer einmal eine Krankheit überwunden hat, nimmt beispielsweise Menschen, die an derselben Krankheit leiden, an die Hand und wird zum Begleiter durch die schwierige Zeit", sagt Wezel, der es wichtig findet, gelebte Erfahrungen weiterzugeben - insbesondere in Zeiten, „in denen sich Globalisierung und Vereinzelung die Hand reichen".
Wirklich neu ist dieser Ansatz freilich nicht. Lesepaten, Schülerpaten, Selbsthilfegruppenleiter, Lern- oder Jugendbegleiter - sie alle waren in Nürtingen bereits in den vergangenen Jahren aktiv, und ihr Engagement lässt dieser Tage auch nicht nach, denn ehrenamtliche Arbeit wird in der Stadt großgeschrieben. Fakt ist aber auch, dass der Bedarf an Menschen, die anderen hilfreich zur Seite stehen, riesig ist. „Peers und Paten kann es gar nicht genug geben", ist Hannes Wezel überzeugt. Wichtig ist ihm darüber hinaus, dass das Peer-Paten-Programm all denjenigen als Austauschplattform dient, die sich als Begleiter oder Peer engagieren.
Mit einem Faltblatt wirbt der Bürgertreff aktuell darum, an dem Programm teilzunehmen. Wezel sagt, wer sich freiwillig engagieren wolle, solle sich einfach beim Bürgertreff melden und kundtun, welche Lebenserfahrungen er an andere weitergeben wolle, weil sie ihm wichtig und wertvoll sind. Vorgaben dazu, wie genau dieses „Weitergeben" aussehen soll und wie viel Zeit die „Erfahrenen" darauf verwenden sollen, gibt es nicht. Dem Bürgertreffleiter zufolge können die Leute ihre Ideen und Vorstellungen selbstständig umsetzen: „Einfach und unbürokratisch sollen zeitlich befristete persönliche Begegnungen vermittelt und hergestellt werden."
Wezel betont darüber hinaus, dass das Peer-Paten-Programm nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu den bereits bestehenden Diensten zu sehen ist - zum Beispiel Fahrdienste, die Menschen nach einem Schlaganfall von A nach B bringen. Egon Waldstett, der selbst vor einigen Jahren einen Schlaganfall hatte, gibt seine Erfahrung mit der Krankheit heute als Peer an andere Betroffene weiter. Dies tut er nicht nur in einer Selbsthilfegruppe, die er vor rund drei Jahren in Nürtingen gegründet hat, sondern auch „eins zu eins", sprich: im Gespräch mit nur einem Schlaganfallpatienten, um den er sich in besonderer Weise kümmert und für den er Fahrdienst übernimmt. Wezel sieht dieses Engagement als gelungenes Beispiel dafür, wie Dinge auch ohne viel Geldaufwand organisiert werden können: „Das Programm dient auch dazu, das, was bereits läuft, weiter auszubauen und sichtbar zu machen."
Wer bei dem Peer-Paten-Projekt mitmachen will, kann sich beim Bürgertreff Nürtingen melden. Hannes Wezel, Irmgard Schwend und Silvia Sollner sind dort unter der Telefonnummer 0 70 22/75-3 67 erreichbar..
Quelle: © Stuttgarter Zeitung vom 30.03.2009

