Zukunft - Bürgergesellschaft 2020
Lebst du nur oder machst schon mit ???
Von Hannes Wezel (Nürtingen) und Ernst Weidl (Weyarn)
Hannes: Heute ist der 13. November 2020. Grüße dich, Ernst- schön ist es hier in der Civitas-Botschaft. Weißt du noch die guten alten Zeiten als die Bertelsmann Stiftung damals anno 1998, also vor 22 Jahren den Wettbewerb ...ausschrieb, aus dem dann die Civitaskommunen hervorgegangen sind! Und weißt du noch, bei der Jahrestagung Netzwerk „nachhaltige Bürgerkommune vor 12 Jahren, 2008 in Plankstetten, die Zeiten von damals sind endgültig vorbei, damals haben wir noch über Bürgergesellschaft geredet und jetzt haben wir sie .... - ehrlich gesagt, die kann auch ganz schön anstrengend sein. Ist das bei euch in Weyarn auch so? Manche Leute verstehen da was falsch und meinen, das ist ein Wunschkonzert, so unter dem Motto: Bürger wünschen - Politik und Verwaltung spielen!
Damals in Plankstetten anno 2008 meinten ja manche, die Bürgergesellschaft sollte ja quasi über Nacht ausgerufen werden - aber es hat dann doch noch ein paar Jährchen gedauert .....
Ernst: Aber wem sagen wir das, hier sitzen doch lauter „Üblichverdächtige“, die nichts besseres wollten, als dass die Bürger gesellschaftlich beteiligt werden und jetzt - haben wir den Salat - sie sind es! Aber nicht so, wie manch einer immer forderte dass der Bürger als „Souverän“ auftritt. Eine grundlegende Erfahrung war doch, dass BG nicht herbeigeredet werden konnte, sondern erleb- und erfahrbar sein muss im täglichen Leben.
Hannes: Das muss laufen wie bei der Fußball-WM anno dazumal 2006 mit dem früheren Bayern Trainer Jürgen Klinsmann in der Kabine, man muss die Leute motivieren, mitzumachen, so in der Art „ihr müsst kompakt stehen, offensiv an die Leute und Aufgaben in der Gesellschaft rangehen, das Kurzpassspiel zwischen Bürger, Politik und Verwaltung pflegen, keine lange Reden halten, die Menschen wollen was erleben“. Also kreativ und doch mit Systematik! Nur so sind wir ans Ziel gekommen.
Ernst: Also, das ist ja schon sensationell, dass in Deutschland zwischenzeitlich über 50 % der Bürger engagiert sind! Gibt es dafür eigentlich Erklärungen, wie das FW Survey mit den schlappen 36 % von damals so übertroffen werden konnte?
Hannes: Es sind viele Faktoren, einerseits sicher die massive Werbung fürs Bürgerengagement im TV jeden Abend vor der Tagesschau. Damit konnten binnen 12 Jahren diese fantastischen Zahlen erreicht werden. Was der Bundesregierung die Aidswerbung in den 80er Jahren wert war, war ihr die Engagementwerbung in den letzten Jahren nur billig und dann natürlich kamen wesentlich bessere Bedingungen und Voraussetzungen fürs Bürgerengagement als 2008 ....
Ernst: Stimmt das eigentlich, dass alle Engagierten zwischenzeitlich automatisch über eine vom Bund finanzierte Versicherung abgesichert sind?
Hannes: Klar, Baden-Württemberg war hier mal wieder Vorreiter - weißt doch, wir können alles außer Hochdeutsch!
Ernst: Grad so wie mir Bayern.
Hannes: Ja und dann natürlich die engagementfreundliche Infrastrukturen: Überall wurden Rathäuser zu Bürgerhäuser und nach und nach wuchsen aller Orten kommunale Zentren für Zivilgesellschaft - übrigens nach unserem Nürtinger Vorbild - in denen Politik - Bürger - Verwaltung gegenseitige Seitenwechselprojekte durchführen. So konnte gegenseitiges Verständnis geschaffen werden.
Hannes: Also, wir machen ja schon seit Jahren die Beobachtung, dass auf kommunaler Ebene die Parteien an Bedeutung verlieren - dagegen erobern freie Bürger- und Ortschaftslisten die Rathäuser und neu ist auch, dass Bürgermeister und Oberbürgermeister regelmäßig evaluiert werden. Die Räte tagen nicht mehr nur in Rathäuser, sondern gehen mit der Demokratie vor Ort auf Marktplätze, wie es vor Jahren schon die Civitas-Kommune Viernheim vorgemacht hatte.
Hannes: Bei uns hat jeder gewählte Stadtrat ja zwischenzeitlich seinen ausgebildeten Bürgmentor als Berater zur Seite und in den Verwaltungen gibt es nicht nur Azubivolunteering, sondern auch Amtsleitervolunteering - des schadet denen übrigens gar nix, das machte die Civitas-Kommune Essen bereits 2007 beispielhaft vor.
Ernst: Durchgesetzt hat sich auch die lokale Demokratiebilanz als Beteiligungsinstrument, das damals Adrian Reinert aus Skandinavien importiert hat, mit Bürgerbefragungen und Verwaltungsenquete und ständig begleitenden Beteiligungsforen. Die Kommunen, die das machen, bekommen von der Bundesregierung eine Beteiligungsumlage in Millionenhöhe, das sind Anreize, mein lieber Botschafterkollege ....
Hannes: Weiß ich, weiß ich, die Demokratiebilanzen werden immer vor den klassischen Wahlen durchgeführt, ja, ja, die gibt es auch noch, die guten alten Wahlen, damit wird der Politik und der Verwaltung Rückmeldung von Bürgerseite verschafft, zum besseren ausloten, ob die gemeinsame Richtung stimmt.
Ernst: Weyarn war eine der ersten Gemeinden die sich solcher Ideen angenommen hat. Die Kidis und Jugendlichen vom Spielplatzbau anno 2001 sind inzwischen Gemeinderäte und wissen, wovon sie reden. Bürgerbeteiligung ist bei uns seit 24.10.2008 als Satzung in der Gemeindeordnung festgeschrieben. Wir haben also das 12jährige Jubiliäum schon hinter uns.
Hannes: Sehr, sehr cool. Aber sag mal, stimmt es, dass bei der Beurteilung von Beamten die Bürgerfreundlichkeit bei euch zu Buche schlägt?
Ernst: Klar, mit 3-fach Wertung sogar! Beförderung ist nur noch möglich mit Mindestpunktzahl im Bereich der Bürgerorientierung ....
Hannes: und, .... Arbeitskreise und Foren haben schon längst eigene Budgets. Ja, da waren die Bürgerhaushalte früher ja nur Augenwischerei und schneller Populismus.
Ernst: Lange Zeit machte man sich ja Sorgen um die „ neuen Länder“, doch dann bewahrheitete sich mal wieder der gute alte Song ...: Die neuen Länder kommen langsam .... aber gewaltig; wenn es ums mitmachen geht, haben sie die guten alten Tugenden aufleben lassen, gerade in den Bereichen wie Hinschaugesellschaft oder Jugendhilfe haben die viel von Augsburg abgeschaut. Dort läuft ja in diesen Bereichen schon einige Jahre volles Programm
Hannes: Sag mal, Ernst, kriegt ihr in Bayern auch den neuen „Zivilkanal“ im TV rein?
Ernst: Klar, der monatliche „Bürgeraward“ inklusive den samstäglichen TV Shows mit Gottschalk und Schmidt haben auch bei uns längst Kultstatus. Vor allem lässt ja keiner der Moderatoren aus, sich mit seiner ganz persönlichen Engagementgeschichte zu outen!
Hannes: Allen voran unser Nürtinger Lästermaul Harald Schmidt. Da kam ja ans Licht, dass er sich als Zivi und Organist in seiner Heimatstadt in jungen Jahren schon ins Zeug legte und als Moderator von Altennachmittagen und Sommerferienlagern Engagementspuren hinterließ ...
Ernst: Mir gefallen ja vor allem die Talkshows am Nachmittag. Und die Nachmittagsserien und Engagementsoaps ... „Verbotenes Engagement!“ Oder „Gute Menschen, schlechte Menschen“ - so aus dem Leben der Engagierten erfährt man halt hautnah, was den Leuten auf der Seele brennt.
Hannes: Doch nicht nur Werbung trug zur massiven Verstärkung des BE bei, sondern auch die Tatsache, dass die schwarz/grüne Regierung ein Grundeinkommen an das Engagement der Bürgerinnen und Bürger koppelte und daß auf lokaler Ebene immer mehr Bürgerstiftungen entstanden sind die unabhängig von den Kommunen richtig zivil wirken und arbeiten.
Ernst: Einerseits ganz schon hart! Aber der Schritt mit dem Grundeinkommen führte übrigens dazu, dass die Grenzen zwischen bezahlter Erwerbsarbeit und Freiwilligendienst immer mehr verschwanden.
Hannes: Auch ein wichtiger Schritt in die Richtung, die damals 2008 die BE-Szene in Aufruhr versetzte: Die Monetarisierung der Freiwilligenarbeit, die hat nun längst stattgefunden und verträgt sich mit unbezahltem Engagement besser denn je. Gerade auch deshalb, weil die ersten Versuche seinerzeit in Baden- Württemberg natürlich kläglich scheiterten.
Ernst: Ach ja, des war doch die Sache mit den bezahlten Jugendbegleitern, oder???
Hannes: Ja genau, man hat versucht den Ganztagesbetrieb in den Schulen billig zu sichern ... und niemand haben sie gefunden, zumindest nicht viele und erst, als es gelang, die mit den anderen Freiwilligendienste zusammenzubringen, passte die Sache wieder.
Ernst: Ja, ja des war schon schwierig am Anfang, wenn sich da plötzlich 50 % der Bürger engagieren. Es gibt fast schon zuviel von der Sorte: Für die Omas war des schon eine Umstellung, dass sie mindestens vier mal am Tag Besuch bekommen - so kann sie zwar zu Hause bleiben und muss nicht ins Heim, aber sie kommt schon fast in Besucherstress vor lauter engagierten Jugendlichen, die einen Stempel fürs Zeugnis ergattern wollen.
Hannes: Aber echt toll ist, dass dies alles auf Gegenseitigkeit läuft: Auch die Oma bekommt in ihr Rabattbüchlein einen Stempel, dass sie dem Ali beim Rechnen geholfen hat.
Ernst: In den Kindergärten und Schulen gehört „Engagementkunde“ auch längst dazu. Was früher die Grundschulförderklassen waren, sind heute die „Engagementförderklassen“, die die Einsätze der Kleinsten in den unterschiedlichsten Feldern vorbereiten. Vor allem werden die Migrantenkinder zu Hause eingesetzt „Mama lernt deutsch“ ist der Renner ... die Kidis bringen es ihren Müttern und Vätern bei ...
Hannes: ... Ja, und in keinem Kindi fehlt das Spiel „Civitasia- misch dich ein und hab auch Spaß“ und mit Playmobil und Lego kannsch ja ganze Engagementlandschaften bauen ...
Ernst: Ein anderes Kapitel ist die Wirtschaft in der Bürgergesellschaft. Die immer öfters behaupten, dass sie sich nur deshalb engagieren, weil es zu ihrem Auftrag gehört ... eben auch ein guter Bürger zu sein.
Das Wirtschaftsministerium hat darauf hin sogenannte Sponsorenpfleger eingesetzt, weil es zu viele Sponsoren gibt - und in vielen Kommunen wird Fundraising in einem eigens geschaffenen Amt bearbeitet. In Weyarn heißt das aber immer noch Fundbüro ...
Firmen haben mit dem Engagement auch ganz neue Produkte entwickelt, so macht der Heimwerkermarkt OBI inzwischen mit der „BürgerPanele“ einen Wahnsinnsumsatz (analog „BürgerPanel“)
Hannes: „Anerkennungskultur für Alle“ ist der zentrale Slogan der Bürgergesellschaft.
Bei regelmäßigen Ehrungen von engagierten Bürgern, bürgerorientierter Verwaltung und engagierten Kommunalpolitikern, die immer Samstagmittags in der Halbzeitpause der Bundesligaspiele in den Stadien stattfinden und somit eine breite Öffentlichkeit erreichen, ist eine ganz neue Kultur der Anerkennung entstanden ...nicht diese pauschalen Ehrenamtscards- dagegen hat sich das BBE ja früher schon erfolgreich gewehrt!!!
Ernst: Auch da war die Gemeinde Weyarn wieder einmal Vorreiter mit einem Wellness-Wertschätzungs-Hotel für Engagierte - einfach mal raus aus dem ganzen Engagement-Stress - mal richtig nix tun ... Da helfen dann sogar die Krankenkassen und geben einen Bonus für ihre engagierten Mitglieder. Außerdem können Freiwillige günstige Bauplätze bekommen und schaffen somit Standortvorteile.
Hannes: Aber nicht genug, Wertschätzung erfahren die Engagierten in der wöchentlichen Rubrik „Ich engagiere mich hier, weil ... - Das Magazin Stern hat reagiert und stellt wöchentlich unter dem Motto „leasen statt nur lesen“ gute Beispiele vor, die man dann auch leasen kann, so für die eigene Kommune: Man soll sich nicht nur engagieren, sondern man wird engagiert. Eine Art Scouting wie in der Fußballbundesliga hat längst eingesetzt und Abwerbungen von Engagierten gehören zur Tagesordnung.
Ernst: Im sogenannten Online-Volunteering - natürlich aus den USA herübergeschwappt - muss niemand mehr einen Fuß vor die Tür setzen, um sich zu engagieren ... Da gibt es ja auch Chatrooms für Engagierte, wo sie sich jederzeit und den ganzen Tag gegenseitig loben und anerkennen können und natürlich auch bemitleiden ...
Hannes: Und noch was Schönes ist dabei entstanden - Die Verständigung zwischen Engagierten aus allen Menschen-Ländern brachte uns den globalisierten Engagementtourismus - aktive Bürger besuchen sich gegenseitig in anderen Ländern und Kommunen bei freier Kost und Logis. Dann kann man sich auch mal richtig Zeit nehmen und in die ersten BE-Museen gehen und seinen Enkeln zeigen wie alles anfing mit der Bürgergesellschaft ....
Ernst: Wow, so schön ist es also in der Bürgergesellschaft .... aber ich glaub wir müssen nun doch wieder zurück in die Realität von 2008......
Hannes: Dann lass uns mal zusammenfassen: Was dürfen wir nicht tun, wenn wir eine Bürgergesellschaft aufbauen wollen?
Was dürfen wir nicht tun, wenn wir eine Bürgergesellschaft aufbauen wollen?
- Ernst: nicht einfach nur Menschen zusammentrommeln
- Hannes: nicht einfach nur Aufgaben verteilen
- Ernst: nicht vorher schon wissen was bei der Beteiligung herauskommen soll
- Hannes: die Menschen nicht „Ernst“ nehmen
Ernst: Ja, das ist absolut richtig! Und wie machen wir es besser?
- Hannes: Beteiligungsmöglichkeiten auf allen Ebenen bieten
- Ernst: Professionelle Unterstützung gewährleisten
- Hannes: Die Menschen dürfen den Wandel vom Zuschauer zum Mitmacher täglich erleben
- Ernst: Kreativität wird groß geschrieben
- Hannes: Spaß und Freude ist mit dabei
- Ernst: Wir pflegen eine konsequente Anerkennungskultur
- Hannes: und zwar durch die Zusammenführung von Engagementförderung und Beteiligungskultur
- Ernst: finanziell wird das Ganze für alle durch eine deutliche, steuerliche Erleichterung und einen Beteiligungsbonus interessant
- Hannes: und wir brauchen nicht nur kommunale und politische Standbeine, sonder viele, viele Bürgerstiftungen als freie Standbeine
- Hannes: und wir brauchen nicht nur kommunale und politische Standbeine, sonder viele, viele Bürgerstiftungen als freie Standbeine <>
Ernst: Und was haben wir in unserem Civitasnetzwerk gelernt, in dem große und kleine Kommunen zusammenarbeiten und sich gegenseitig befruchten:
Zusammen:"Sage es mir und ich werde es vergessen. Zeige es mir und ich werde mich daran erinnern. Beteilige mich und ich werde es verstehen.“ (Lao Tse)